Schutz – Erholung – Erziehung

Was ist ein Naturgarten?, von Marianne Haider

Beitrag des Buchpartners: Was ist ein Naturgarten?

Eine ungepflegte Gstettn? Warum nennt man es dann Garten?

Bei vielen GartenliebhaberInnen drückt sich die „Liebe zur Natur“ in möglichst kurz geschorenem Rasen umgrenzt von einer Thujenhecke aus. Ein paar Minikoniferen werden auch noch da und dort gepflanzt. Im Rasen darf kein Unkräutlein wachsen.

Marianne Haider

Marianne Haider (Heim- und Projektleitung)

Mehr zum Projekt Interkultureller Naturgarten Greifenstein (Information, Mithilfe, Unterstützung).
Tel: 02242/322 20 – 20 (Mo bis Fr: 8.00 bis 12.00 Uhr)
E-Mail: marianne.haider@oejab.at Webseite: http://greifenstein.oejab.at

Viele GärtnerInnen sind so damit beschäftigt, den Garten „sauber“ zu halten, daß sie ihn gar nicht genießen können. Es wird herum geschnippelt, gestochen und gespritzt. Eine der größten Katastrophen: Laubfall – noch schlimmer: Fallobst!

Vorsorglich werden keine Laubbäume und schon gar keine Obstbäume gepflanzt – dies würde den Garten verschmutzen. Wie viele Streitereien mit den NachbarInnen sind wohl auf Laubverwehungen zurückzuführen? Niemand macht sich Gedanken darüber, wie viele Kleintiere in Laubsaugern eingesogen bzw. mitgehäckselt und getötet werden. Jegliche Biomasse wird abtransportiert oder verbrannt. Wie viele Igel sollen noch auf bzw. unter dem Scheiterhaufen landen? Kein Blättchen oder Ästchen darf im Rasen liegen – kein Stängel stehen bleiben.

Falls sich einmal ein Maulwurf in das Einheitsgrün verirrt bricht ein komplettes Weltbild zusammen. Ratschläge werden eingeholt – diverse Vertreibungsmethoden ausprobiert. Es kann ja nicht sein, das dieses Vieh die ganze Arbeit zunichte macht. Solcherlei „gepflegte“ Gärten kann man eigentlich gleich zubetonieren und grün anstreichen. Somit erspart man sich eine Menge Arbeit und man braucht den Boden auch nicht mehr zu vergiften.

Ein Garten sollte der Erholung dienen und nicht noch zusätzlich stressen. Eigentlich ist jeder Garten ein Naturgarten, bei dem die GärtnerInnen auf Gift und Kunstdünger verzichten und auch der einheimischen Flora und Fauna ihre Daseinsberechtigung zugestehen. Sehr interessant finde ich auch, daß die GärtnerInnen, die permanent gegen die Natur ankämpfen, fast ausnahmslos begeistert sind, wenn sie in einen Naturgarten kommen. Was da alles blüht, „kreucht und fleucht“!

Ein Rasen-/Thujengarten bietet nur sehr wenigen Tieren einen Lebensraum. Ein Naturgarten hingegen lebt von und mit seiner Biodiversität. Es wird sich – dies ist natürlich auch von der Größe des Gartens bzw. seiner Umgebung abhängig – ein Gleichgewicht einstellen. Keine Art kann sich zu stark ausbreiten und somit zu einem wirklichen Problem werden. Es wird immer auch Gegenspieler geben. Wenn ich alle Blattläuse tot spritze, nehme ich den Marienkäfern und anderen Insekten die Lebensgrundlage weg. Mit dem Ausbleiben der Insekten werden auch Vögel und Fledermäuse sich anderen Lebensräumen zuwenden.

Es gibt Rosenzüchter, die sich mehr mit den Blattläusen beschäftigen als mit den Rosen. (Victor Auburtin)

Der Interkulturelle Naturgarten Greifenstein

Das ÖJAB – Haus Greifenstein ist ein Wohnheim für AsylwerberInnen, die sich in der Grundversorgung des Landes Niederösterreich befinden. Zum Haus gehört ein ca. 18.000 m² großer Garten. 2006 haben wir gemeinsam mit den BewohnerInnen begonnen, die ersten Hochbeete für den Gemüse- und Kräuteranbau zu errichten.

Der Garten ist ein kleines Naturjuwel am Rande des Wienerwaldes. Das ganze Grundstück befindet sich auf einer Gesteinsaufschüttung. Die großen Steine, die bei diversen Grabearbeiten aus dem Boden geholt werden, verwenden wir für  Beetumrandungen und kleine Trockenmauern. Die restlichen Steine werden einfach angehäuft und bilden somit einen hervorragenden Lebensraum für allerlei Getier, wie z.B. Smaragdeidechsen.

Der Boden ist sehr kalkreich und trocken und der Unterbewuchs der Streuobstwiese besteht zum Großteil aus Trespen, Wiesensalbei, Feldmannstreu, Karthäusernelken und vielen anderen „Zeigerpflanzen“ für einen Halbtrockenrasen. Ein kleiner Teil des Areals bietet der Riemenzunge, einer heimischen Orchidee, ideale Standortbedingungen.

Die drei Schwerpunkte des Projektes:

1.) Integration

– Integrationshilfe durch Erwerb von Sprachkenntnissen, Grundzügen des biolog. Gartenbaus, Arten – und Naturschutz und das Erlernen von Hilfstätigkeiten um bei einem positiven Asylbescheid den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern und somit drohende Sozialfälle zu vermeiden.
– Ausweg aus der Einsamkeit und Wechsel von der passiven Nehmerrolle in eine aktive Geberrolle.
– Abbau von Berührungsängsten
–  Wahrnehmungsänderung in der Bevölkerung
– Vorbildcharakter für andere Einrichtungen

2. ) Gartentherapie

– sinnvolle Beschäftigung während der langen Wartezeit auf den Asylbescheid: es liegt auf der Hand, dass Menschen, die nicht arbeiten dürfen – keinerlei Beschäftigung haben – ständig nur mit ihren Problemen und Sorgen beschäftigt sind – immer mehr psychische Probleme bekommen (Schlaflosigkeit, Apathie, Depressionen,…)
– Sinngebung: Verantwortung zu übernehmen und wieder aktiv am Leben teilnehmen;
– Motivationsförderung

3.) Natur- und Artenschutz

– zahlreiche Nützlingsunterkünfte wurden bereits errichtet
– kein Gift, kein Kunstdünger
– Natur-Schaugarten
– eine Informationseinrichtung für biolog. Gartenbau, Gartentherapie und Arten- und Naturschutz soll errichtet und betrieben werden.

Vorurteile sind ein undefinierbares Unkraut, das auf den grünsten Rasenflächen am heimtückischsten wuchert. (Sir Peter Unstinov)

Seit 2001 lebe ich im ÖJAB-Haus Greifenstein und habe in den ersten Jahren zwei bis drei Mal pro Jahr eine Eidechse gesehen. Mittlerweile trifft man sie während der Sommermonate fast täglich im Garten an. 2009 hatten wir auch erstmals Nachwuchs! Letztes Jahr konnte ich beobachten, wie ein trächtiges Smaragdeidechsenweibchen um Futter bettelte. Das Männchen eilte herbei, um das Weibchen zu füttern.

Auch Zauneidechsen haben sich angesiedelt. Mit ein wenig Glück kann man auch Ringel-, Äskulap- und Schlingnatter im Garten entdecken. Gottesanbeterinnen, Holzbienen, zahlreiche Schmetterlinge und Heuschrecken und viele andere, vor allem wärmebedürftige Arten, bevölkern das Areal. Die „Haarige Holzameise“ (Camponotus vagus), eine wunderschöne, schwarze, Totholz bewohnende Roßameise, hat sich an mehreren Stellen häuslich eingerichtet. Das Mauswiesel, die kleinste europäische Marderart, die auf Mäuse als Beute spezialisiert ist, bekommt man leider kaum zu sehen. Auf die Anwesenheit der winzigen Zwergmaus kann man nur durch ihre aus Gras und Moos hergestellten Kugelnester schließen.

Je vielfältiger der Lebensraum gestaltet ist, umso mehr Tiere und Pflanzen finden einen geeigneten Lebensraum vor und mit ein wenig Glück werden sich auch einige dauerhaft ansiedeln.

Einige Totholz- und Steinhaufen wurden bereits errichtet. Da es nur einen ganz kleinen Tümpel gibt, in dem Frösche ablaichen und junge Ringelnattern auf Beutezug aus sind, möchten wir in nächster Zeit ein größeres Feuchtbiotop anlegen.

Um den Pflanzen die Möglichkeit zur Aussaat zu geben, wird ein großer Teil der Wiese nur einmal im Jahr gemäht. Die Streuobstwiese bietet zahlreichen Tieren einen idealen Lebensraum. Bunt- und Kleinspecht suchen in den abgestorbenen Ästen nach Nahrung. Gottesanbeterinnen und Feldwespen errichten an geschützten stellen ihre Ootheken (Eipakete) bzw. Nester. Unzählige Falter tummeln sich in der Wiese und an einigen Stellen errichten die „Roten Waldameisen“ ihre eindrucksvollen Bauten, die im Winter vom Grünspecht aufgesucht werden, um die Larven als Futter rauszuholen.

Ein Naturgarten bietet weit mehr als nur ein paar schöne, bunte Blumen für das Auge. Man kann stundenlang durch den Garten wandern und immer wieder Neues entdecken. Alle Sinne werden angesprochen und herausgefordert.

Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie schön die Welt ist, und wie viel Pracht in den kleinsten Dingen, in irgend einer Pflanze, einem Stein, einer Baumrinde oder einem Birkenblatt sich offenbart. (Rainer Maria Rilke)

Sehr herzlich möchte ich Herrn Albert Spitzer dafür danken, dass er auf seinen Buchautorenanteil verzichtet!

1 Kommentar zu “Was ist ein Naturgarten?, von Marianne Haider”

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