Schutz – Erholung – Erziehung

Lebenswasser, von Rosemarie Lederer

Auszug aus „Nachtschattenräume“, 1998
Ein winziger Tropfen, eine Ahnung nur von Dunst, dann ein zweiter – ein dritter folgt. Und weitere fallen, fallen tief auf den trockenen Boden. Wie die Erde dampft und aufantmet, wie sie sich in langen durstigen Zügen das kostbare nass einverleibt, wie sie aufquillt und lebendig wird!

Lederer Rosemarie, Mag. Dr.
Jahrgang 1947. Lebt im „Un-Ruhestand“ in Ferlach, studierte Germanistik und Medienwissenschaft (mit den Schwerpunkt Soziologie und Psychologie) an der Universität Kalgenfurt, war als Lehrbeauftragte im Bereich Erwachsenenbildung tätig. Neben ihrer Arbeit als Buchautorin ist sie derzeit eine sehr vergnügte Großmutter, die ihre Enkelkinder betreut.

Hörst du, wie die Tropfen aufprallen, sich aneinanderschmiegen und nach neuen Wegen suchen, nach einem Schlupfwinkel im dunken Erdreich, nach einer tiefen unterirdischen Höhle, wo sie sich sammeln und Kradt schöpfen können, um zu wachsen –  um endlich gar, nach kurzer Rast im dunklen Schoß der Erde, wieder ans Tageslicht zu drängen, gereinigt von der Last des Schmutzes, gekühlt und von kostbarer Klarheit.

Ach, wer doch teilnehmen könnte an dieser Reise (Kreislauf), Wassertropfen sein, einer unter Millionen, nicht klar abgegrenzt gegeneinander, einer nur inmitten der vielen!

Ich dehne meine Haut, blähe mich auf, bis alle Grenzen gesprengt sind, atme freier und rascher und lasse mich fallen in die glasklare Masse der Wassertropfen. Ich fühle, wie sie eindringen in mein Sein – und wie ich eindringe in das ihre. Habe ich mich aufgelöst, existiere ich noch? Bin ich noch immer ein Ich in dieser anderen Form, in dieser fremden Art der Existenz?

Es gluckst und kichert, es poltert und plätschert rund um mich her. Wie das kitzelt und kribbelt auf dieser haut, die keine mehr ist. Aber was ist sie dann? Was hält mich zusammen? Muss ich überhaupt noch zusammengehalten werden? Wie viele Moleküle beinhaltet dieser neue Körper? Habe ich überhaupt Grenzen nach außen hin?

So leicht, so schwerelos gleite ich zwischen den anderen, nirgendwo stoße ich an, neimand drängt mcih fort. Aus meinem Innersten kollert ein Glucksen setzt sich fort, zieht seine Kreise, hallt tausendfach wider im Lachen der Tropfen und Tröpfchen, die mich begleiten und mit sich forttragen. Was heißt tragen, fortreißen voll überschäumender Kraft. Wie jung ich wieder bin, wie übermütig und bedenkenlos jung! Ob ich jemals wirklich so jung gewesen bin?

Sprudelnd überspringen wir Hindernisse, leicht und behende gleiten wir über Steine und Wurzeln. Über bunten, glitzernden Sand geht die Fahrt, immer rascher dem Tal entgegen. Atemlos vor Neugierde öffne ich alle Poren, trinke mit all meinen Sinnen, verleibe mit tausend Bilder ein, um an dunklen Tagen daran zu nippen.

Halt, nicht so rasch, ich möchte verweilen! Wartet, wartet doch ein Weilchen, ich bin noch nicht satt getrunken, möchte so vieles noch verkosten! Warum denn so eilig, wo es gerade so schön ist, wenn die Sonne mir glitzernde Kringel auf mein pralles Bäuchlein malt? Ein pralles Bäuchlein, wie köstlich, ganz ohne ein schlechtes Gewissen zu haben! Es gibt kein Halten, kein Zögern und Ausruh´n. Wie sie mich mit sich reißen!

Was nützt mein Protest – ich rase mit den anderen der Tiefe entgegen, stürze über den tosenden Wasserfall beinahe zu Tode. Dann endlich halte ich inne. Ruhig und gleichmäßig schwebe ich zwischen den anderen, weiß wieder wer ich bin, und räkle mich wohlig im schwachen Abendlicht.

Doch mein Körper scheint schwerer geworden zu sein. Auf seiner rasenden Fahrt hat er viele fremde Teilchen aufgenommen. Einige sinken zu Boden, und ich atme wieder etwas leichter, andere halten hartnäckig an mir fest, lassen sich nicht wieder Abschütteln. Die Massen der Tropfen trägt mich, wenn ich müde werde, und dankbar lehne ich mich an sie. So lassen die fremden Lasten sich leichter tragen.

Allmähnlich bemerke ich, dass auch die anderen schwere Lasten tragen und müde geworden sind. Vielleicht wird ein starker Sonnenstrahl uns von der Last befreien und wieder emportragen in das Reich der Lüfte, vielleicht wird sich der Lebenskreis schließen, wenn wir vergehen, um neu zu werden. Vielleicht werde ich zurückkehren in den Schoß der Erde, um neu geboren zu werden.

Werde ich Tropfen sein, Pflanze, Tier oder wieder ein Mensch? Werde ich dann noch wissen um das Geheimnis des Werdens und Vergehens? Wird irgendwann aus meinen tiefsten Tiefen das Erinnern steigen oder werde ich immer wieder neu erkennen müssen? Konstruierte Wirklichkeiten sind unendlich.

Diesen  Beitrag entnahm ich aus dem Buch „Das Herz von Kärnten – Vom Steinbruch zur Naturgartenvision“ und wurde von der Autorin auch für dieses Blog freigegeben.

Lederer Rosemarie: Nachtschattenräume – Lyrik und Essays. Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 1998

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