Schutz – Erholung – Erziehung

Ein Naturgarten für Moosburg (Kärnten), von Christian Keusch

Natur und Garten

Den Begriff „Naturgarten“ gibt es zwar schon ungefähr seit dem 18. Jahrhundert wirklich etabliert hat sich die Idee des „Naturgartens“, die Natur und Garten vereint, aber erst nach 1900 (1).

Dass die beiden Materien „Natur“ und „Garten“ erst relativ spät zueinander gefunden haben, ist aufgrund der gebräuchlichen Definitionen der beiden Begriffe auch nicht weiter verwunderlich. Stehen sie doch eigentlich im Widerspruch zueinander.

Während der Begriff Natur für etwas steht das nicht vom Menschen geschaffen wurde, wird ein Stück Land erst durch Menschenhand zum Garten. Und so ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass Natur und Garten lange Zeit in „Konkurrenz“ zueinander standen.

Mag. Christian Keusch,

1974 in Wien geboren und im Weinviertel in Niederösterreich aufgewachsen. Nach dem Biologiestudium und einem darauf folgenden Lehrauftrag an der Universität Wien, hat es ihn mit seiner Familie nach Moosburg in Kärnten verschlagen. Dort folgte eine langjährige Anstellung als Projektleiter bei einem renommierten Klagenfurter Ökologiebüro. Seit Mai 2013 ist er selbstständiger Unternehmer und Inhaber eines Ingenieurbüros für Biologie (http://www.oekotop.at/).

Inhalt des Beitrages:
Wie viel Natur verträgt ein Garten?, Naturraum Moosburg, Ein Naturgarten für Moosburg, Was können wir von der Natur alles lernen? Quellen – Verzeichnis


Wie viel Natur verträgt ein Garten?

Wenn man sich ein „Stück Natur“ in den Garten holt, so geht das in der Regel immer mit einer Zurücknahme des menschenlichen Einflusses einher. Nach dem oft genannten Motto „Man lässt der Natur freien Lauf“. Je nachdem wie locker man die Zügel lässt, bestimmt demnach die Naturnähe eines Gartens. Lässt man die Zügel los, so verwandelt sich der Garten langsam aber stetig zurück in Natur.

Eine völlig ungezügelte Entfaltung des Gartens kann aber natürlich nicht die Intention eines Gartenbesitzers sein, um dem Begriff „Garten“ gerecht zu werden bedarf es lenkender Eingriffe, in Form von Gestaltung und Pflege. Jedoch sollte man sich vor Augen halten, dass eine Rückverwandlung in eine unberührte Natur keinesfalls etwas mit Unordnung oder „Wildnis“ zu tun hat. Ganz im Gegenteil, stellt die Natur doch die höchste und komplexeste Ordnung dar, die man sich nur vorstellen kann! Es handelt sich um ein über Jahrmillionen perfektioniertes Zusammenspiel von unzähligen Organismen. Angefangen bei Viren, Bakterien und Pilzen im Boden bis hin zu Pflanzen und Tieren.

Die Komplexität dieser Ordnung ist derart gewaltig, dass wir Menschen erst nach und nach deren Gesetze und Wirkungsweisen erforschen müssen.

Das Thema Nachhaltigkeit zum Beispiel, dessen Umsetzung uns Menschen so viele Probleme bereitet, hat die Natur längst abgehandelt. Natürliche Kreisläufe brauchen weder Dünger noch produzieren sie Abfälle oder Überschüsse. Die Nährstoffe sind in ständiger Bewegung und stehen für alle Organismen am rechten Ort und zur rechten Zeit zur Verfügung.

Folgt man diesen Gedanken, so ist es der Mensch, der mit dem Anlegen eines Gartens diese Ordnung stört und die Kreisläufe durchbricht. Die Störung der natürlichen Kreisläufe erkennen wir mitunter daran, dass wir mittels Giessen und Düngen ausgleichend einwirken müssen! Betrachtet man auf diese Weise einen gepflegten Rasen, so ist dieser im Prinzip nichts anderes als ein „jung“ gehaltenes Ökosystem, das wir an der Weiterentwicklung hindern und dem wir ständig Nährstoffe entziehen. Da es nur wenige Arten gibt, die eine solche Behandlung erdulden, stellt sich ein monotoner artenarmer Bestand ein, den wir als Rasen bezeichnen. Ein solcher englischer Rasen ist mit der Natur nur noch weitschichtig verwandt.

Die meisten von uns haben ein gewisses Unbehagen gegenüber Unordnung. Jeder kennt das befriedigende Gefühl das sich einstellt nachdem man „Alles wieder in Ordnung gebracht hat“. Es ist den meisten Menschen ein gewisser Drang zur Ordnung angeboren, oder vielleicht nur anerzogen, der uns immer wieder dazu bewegt, alles zu ordnen und klare Linien zu schaffen. Und da wir die Ordnung der Natur nicht (an)erkennen, versuchen wir auch diese unserem Ordnungsbegriff zu unterwerfen. Sträucher müssen in Reih und Glied stehen, der Rasen muss einheitlich grün sein und die Blumenbeete in rechten Winkel zueinander stehen!

Will man Natur in seinem Garten erleben, so muss man sich überwinden und, wie schon erwähnt, die Zügel lockern. Lässt man auch nur einen Teil des Rasens bis zur Wiese reifen, so kommt man einem Naturerlebnis näher. Die natürlichen Kreisläufe kommen wieder in Gang, dies merkt man vor allem daran, dass der Pflegeaufwand abnimmt. Früher oder später werden sich neue Pflanzenarten ansiedeln und man kann beobachten, wie sich die Wiese im Laufe des Jahres immer wieder wandelt. Diese Blühphasen, so genannte Phänophasen, in denen die verschiedensten Blütenpflanzen abwechselnd zur Blüte kommen, ermöglichen lohnende Naturerlebnisse für die man möglicherweise etwas genauer hinschauen muss.

Mit den Pflanzen kommen auch ihre Kunden zurück in den Garten, die Tiere. Gerade auch für die Biene, die in letzter Zeit leider traurige Berühmtheit erlangt hat, ist ein Stück Natur im Garten auch ein Stück Überlebenschance!

Es lohnt sich also auf jeden Fall wenn wir der Natur auch in unseren Gärten etwas mehr Raum lassen, denn es gibt viel zu beobachten und zu lernen.

Was für jeden Einzelnen im privaten Garten schon schwer ist, ist im öffentlichen Raum noch deutlich schwieriger zu verwirklichen. Hier, wo Begriffe wie Ordnungshüter, öffentliche Ordnung und Ordnungsamt regieren, ist für scheinbar „wilde“ Natur kein Platz. Die Idee des Naturgartens ist nun angetreten die Natur zurück in die Öffentlichkeit zu tragen.

Richtig aufbereitet, in Form eines Naturgartens, können wir die komplexe Ordnung und die Kreisläufe der Natur wieder begreifen lernen.

Naturraum Moosburg

Die weite Landschaft von Moosburg mit ihren sanften Hügeln in relativ tiefer Lage bieten ideale Bedingungen für eine landwirtschaftliche Kultivierung. Außerdem ist die Gemeinde aufgrund der Nähe zur Hauptstadt ein beliebtes Wohngebiet, besonders für Familien.

Die etwas über 36 km² große Marktgemeinde Moosburg ist daher vor allem durch landwirtschaftliches Kulturland und kleinere Siedlungen geprägt. Mit einer mittleren Seehöhe von ca. 5oo m Ü A. liegt die hügelige Landschaft in der sub-montanen bis tief-montanen Zone (2).

Die Naturraumausstattung ist aufgrund der beiden erfolgten Biotopkartierungsdurchgängen aus den Jahren 2000 und 2010-11, sehr gut bekannt. Die zweite Biotopkartierung, dessen Daten dankenswerter Weise vom Amt der Kärntner Landesregierung zur Verfügung gestellt wurden, spiegelt die aktuellen Gegebenheiten sehr gut wieder.

Im Zuge der Biotopkartierung wurden Lebensräume, so genannte Biotope, die laut aktualisierter Roten Liste der Biotoptypen Kärntens (3) in irgendeiner Weise gefährdet und erhaltenswert sind, erhoben. Dabei handelt es sich aber nicht nur um natürliche Lebensräume sondern auch um gefährdete Kulturlandschaftsbiotypen.

In Moosburg ist ein Großteil der über 800 erhobenen Biotope den Kulturlandschaftsbiotoptypen zuzuordnen, die direkt oder indirekt von der landwirtschaftlichen Nutzung geprägt sind. Am häufigsten zu finden sind zum Beispiel Feldgehölze, Strauch- und Baumhecken und Obstbaumbestände. Extensiv bewirtschaftete artenreiche Wiesen und Weiden sind nur noch selten anzutreffen.

Überdies spielen Feuchtlebensräume eine große Rolle . Das Wort Moos (=Moor) im Ortsnamen Moosburg, lässt auf die ehemalige moorige und sumpfige Vergangenheit der Landschaft rund um Moosburg schließen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass das Gemeindegebiet auch heute noch zahlreiche Feuchtlebensräume aufweist. So sind 36% der Biotope in irgendeiner Weise vom Wasser geprägt. Besonders erwähnenswert ist die Teichlandschaft, die unmittelbar an den Ortskern von Moosburg anschließt.

Die Bruchwälder und Feuchtgebüsche zwischen dem Mitterteich und dem Damnigteich sind Areale die noch eine hohe Naturnähe aufweisen. Auch der etwas kleinere Weingartenteich mit seiner ausgeprägten Schwimmblattzone mit Laichkraut (Potamageton sp.) und Seerosen (Nymphaea sp.), den natürlichen Verlandungszonen mit Schilf (Phragmites australis) und Rohrkolben (Typha sp.) und den anschließenden Bruchwäldern, bieten zahlreichen gefährdeten heimischen Pflanzen und Tieren einen idealen Lebensraum.

Neben den zahlreichen Teichen sind es vor allem auch Feuchtlebensräume, wie Feuchtwiesen und Niedermoore, die den Naturraum bereichern. Vor allem wenn sie noch angepasst bewirtschaftet werden sind diese sehr artenreich. So kann man zum richtigen Zeitpunkt die „Wollschöpfe“ der Wollgräser (Eriophorum latifolium und E. angustifolium) oder die Blüten von heimischen Orchideen, wie die des Breitblättrigen Knabenkrauts (Dactylorhiza majalis) bewundern. Auch eine der größten heimischen Blüten, die der Wasser-Schwertlilie (Iris pseudacorus) kann man finden. Ebenso zeigen sich die kleine unscheinbaren Simsenlilien (Tofieldia calyculata) oder die lila „Knöpfe“ des Teufelsabbiß (Succisa pratensis).

In den feuchten Wiesen und Niedermooren gibt es weiters eine große Anzahl an unscheinbaren aber zum Teil stark gefährdeten Arten (4) wie das Rostrote Kopfried (Schoenus ferrugineus), die Scheinzyper-Segge (Carex pseudocyperus) oder den Sumpf-Haarstrang (Peucedanum palustre).

Leider sind einige Feuchtlebensräume von invasiven Neophyten wie dem Drüsigen Springkraut (Impatiens glandulifera) in ihrer Artenvielfalt bedroht, auch die Aufgabe oder die Intensivierung der traditionellen Nutzung stellen mancherorts eine Gefährdung dar.

Ein Naturgarten für Moosburg

Passend zu dem preisgekrönten Projekt „Bildungscampus“ der Marktgemeinde Moosburg, in dessen Konzept sich die Gemeinde zum Ziel gesetzt hat, „Die Bildungsgemeinde Österreichs“ (5) zu werden, könnte ein Natur(lehr)garten das bereits bestehende Bildungsangebot für Schulen und Kindergärten noch erweitern und die Gemeinde einen Schritt näher ans Ziel bringen.

Und für den einen oder anderen Erwachsenen könnte der öffentliche Naturgarten ein Anstoß dafür sein, auch im eigenen Garten der Natur wieder etwas mehr Spielraum zu lassen!

Will man einen Naturgarten im öffentlichen Raum etablieren, so sind die Möglichkeiten hierfür in Moosburg jedoch begrenzt. Das Gemeindegebiet ist von Wirtschaftsgrünland, Wäldern und kleineren Siedlungen geprägt. Potentielle öffentliche Flächen zur Etablierung eines Naturgartens, die zentral gelegen und für Jedermann gut zugänglich sind, finden sich nur selten.

Eine mögliche Ausnahme könnte die Schlosswiese im Ortszentrum von Moosburg sein. Aber auch hier sind die Möglichkeiten eingeschränkt, da die Schlosswiese regelmäßig als Veranstaltungsort diverser Aktivitäten herangezogen wird. Gegebenenfalls lässt sich aber im Anschluss an den neuen Spielplatz und den erst kürzlich errichteten Baumkreis noch ein kleines Areal für die Anlage eines Naturlehrgartens finden.

Eine weitere Möglichkeit wäre die Etablierung eines Naturgartens in einem bestehenden naturnahen Lebensraum. In Frage kämen zum Beispiel die schon angesprochenen naturnahen Teichlandschaften. Hier könnte man Natur aus erster Hand genießen und auch vermitteln. Ein solcher Schritt ist aber nur mit äußerster Vorsicht und unter fachkundiger Aufsicht zu bewerkstelligen. Nicht ohne Grund sind laut Kärntner Naturschutzgesetz solche sensiblen und erhaltenswerten Feuchtlebensräume streng geschützt (6).

Was können wir von der Natur alles lernen?

Wir Menschen sind ja Teil dieser Natur, und doch haben wir noch lange nicht alle Rätsel die sie uns aufgibt gelöst. Seit Anbeginn der Menschheit versuchen wir die Natur zu enträtseln um sie besser verstehen und nutzen zu können. Aber mit jeder Frage, die die Naturwissenschaft löst, tun sich weitere Ungewissheiten auf. Immer tiefer dringen wir in die Materie ein und immer komplexer werden die Antworten und die sich neu daraus ergebenden Fragestellungen. Die Natur ist ein großes Labor in dem die Evolution ständig forscht wie sie uns Lebewesen noch besser an die Umwelt anpassen kann. Das Lernen und Begreifen der natürlichen Kreisläufe und ihrer handelnden Akteure ist also noch lange nicht zu Ende bzw. wird es wohl nie sein. Es stellt sich also eher die Frage, was können wir nicht von der Natur lernen!

Was können wir zum Beispiel von einem einzelnen unscheinbaren Gänseblümchen alles lernen.

Energieeffizienz: Kein Kraftwerk der Erde ist so effizient, komplex und flexibel wie die Photosynthese in seinen Blättern.
Nachhaltigkeit: Es würde nie auf die Idee kommen, mehr Energie zu produzieren als es benötigt. Bei hoher Sonnenstrahlung reduziert es automatisch die Produktion.
Zielstrebigkeit: Auch wöchentliches Mähen kann es nicht daran hindern, ihre Blüten zu entfalten und sich fortzupflanzen.
Anpassungsfähigkeit: Je nach Standort sieht es ganz verschieden aus. Steht es in einer oft gemähten Wiese so wird der Stängel nicht höher als 3 cm sein. Im hohen Gras jedoch kann es bis zu 20 cm hoch wachsen (7) um ans Licht zu gelangen.
Ideenreichtum: Seine „Blüte“ ist eigentlich keine Blüte sondern ein Blütenstand aus einer Vielzahl von winzigen Blüten. Die randlichen Zungenblüten sind überdies so geformt als seinen sie Blütenblätter. So überlisten das Gänseblümchen ihre Bestäuber und täuscht eine große Blüte nur vor.

Wenn wir schon soviel von einem Gänseblümchen lernen können, dann dürfen wir gespannt sein, was wir in einem Naturlehrgarten alles lernen könnten.

Quelle:
(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Naturgarten, abgerufen am 28.01.2014
(2) aus: Willner, W.; Grabherr, G. (2007) Die Wälder und Gebüsche Österreichs: Ein Bestimmungswerk mit Tabellen (in zwei Bänden). P608. Spektrum Akademischer Verlag.
(3) Keusch C., Egger G., Kirchmeir H., Jungmeier M., Petutschnig W., Glatz S., Aigner S. 2010: Aktualisierung der Roten Liste gefährdeter Biotoptypen Kärntens. Kärntner Naturschutzberichte Band 13 2010, S. 39-69
(4) nach Niklfeld H., 1999: Rote Liste gefährdeter Pflanzen Österreichs. Grüne Reihe des Bundesministeriums für Umwelt, Jugend und Familie, Band 10:.292.S
(5)Umsetzungskonzept Bildungscampus Moosburg
(6)http://www.ris.bka.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=LrK&Gesetzesnummer=20000118. abgerufen am 16.01.2014
(7) Fischer M., Adler W. & Oswald K. 2005: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2. verbesserte und erweiterte Auflage, Land Oberösterreich, Linz, 1379 S.

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